Lebenslaufperspektive

Durch die Milieuperspektive wird die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen von gegensätzlichen und auch widersprüchlichen Lebensverlaufprogrammen deutlich. Das zeigt sich an den Hauptlinien von Lebenslaufsperspektiven in der Milieulandschaft.

Werteabschnitt A: Gemeinsame Traditionen

Im vorgezeichneten Lebensweg von "Konservativen" und "Traditionellen" gibt es feste Stationen und Übergänge mit relativ kurzen Übergangsfristen. Im jungen Erwachsensenalter soll und muss man sich entscheiden, welchen Beruf man ergreifen und mit welchem Ehepartner man sein Leben verbringen will. Diese Wahlen werden getroffen mit Anspruch auf lebenslange Gültigkeit; mit ihnen steht das berufliche und familiäre Lebensprogramm. In diesen Milieus hat der Begriff „Lebensweg“ eine ganzheitliche Bedeutung und Verbindlichkeit.

Soziale Milieus in Deutschland: Ein Gesellschaftsmodell, Werteabschnitt A

Der voreingestellte Modus ist, dieses Programm nicht ohne größere Not abzubrechen und auf keinen Fall aufgrund einer subjektiven „Laune“ den Kurs radikal zu ändern: weder den Beruf aufgeben, noch den Partner verlassen. Der Lebenslauf ist in diesen Milieus eng an die Werte „Solidarität“ und „wechselseitige Verantwortung“ geknüpft. Das bedeutet reziprok auch die normative Erwartung einer analogen Verantwortung und Solidarität a) seitens des Partners und b) durch den Arbeitgeber. Daher erklären sich Unverständnis und moralische Empörung: privat, wenn es zu Trennung oder gar Scheidung kommt; beruflich, wenn man trotz langjähriger Betriebszugehörigkeit entlassen wird; ebenso, wenn Arbeitgeber die von ihnen ausgebildeten Lehrlinge nicht übernehmen. Unternehmen schreibt man im Horizont des Lebenslaufs eine soziale Verantwortung und die Norm zur Solidarität mit Mitarbeitern zu. In familiärer Hinsicht dominiert das traditionelle Haupternährermodell mit dem Mann in der Verantwortung für das Familieneinkommen und der Frau in der Rolle der Hauptzuständigen für die alltägliche Versorgung sowie die Erziehung der Kinder, für den Haushalt, die nachbarschaftlichen und verwandtschaftlichen Beziehungen sowie mit der Option der Hinzuverdienerin durch Minijob oder Teilzeitbeschäftigung.

Brüche und Perforationen im Lebenslauf sind nicht vorgesehen, gelten als Unfall, Unglück, Devianz. Wenn man nun selbst die Partnerin/den Partner verlässt; oder den Arbeitsplatz kündigt, ist der internalisierte, in der sozialen Nahwelt bestehende Druck zur Begründung und Rechtfertigung groß.

Dass biographische Brüche heute nicht mehr individuell verschuldete Unfälle sind, sondern eine Erfahrung für Viele ist, erfahren „Traditionelle“ und „Konservative“ durch eigene Betroffenheit, durch ihre Kinder, durch Nachbarn und Bekannte sowie durch mediale Berichterstattungen: Die hohen Scheidungsraten lassen sich dauerhaft und hinreichend nicht mit dem moralischen Verfall der Gesellschaft erklären. Gleichwohl bedauert man, dass der Wert „Treue“ für viele Paare nicht mehr dieselbe Bedeutung hat wie noch vor einigen Jahrzehnten („Die laufen bei der kleinsten Schwierigkeit gleich auseinander“). Vor allem die jüngere Generation der Traditionellen distanziert sich aber vom moralisierenden Reflex ihrer eigenen (Groß)Elterngeneration und denkt zunehmend in Kategorien des Mitleids für die Betroffenen.

Und als in Folge der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 ein großer Teil der Vollzeit erwerbstätigen Männer auch aus dem Milieu der „Traditionellen“ arbeitslos wurden, in Kurzarbeit gehen mussten oder im Vorruhestand eine Lösung sahen, waren es oft die Frauen, die unfreiwillig zu Mitverdienerinnen oder gar Familienernährerinnen wurden (wenn auch auf geringem Einkommensniveau).

An solchen biographischen Devianzen zerbrechen Menschen aus traditionellen Milieus nicht, denn sie verfügen über kulturelle Ressourcen, sich an faktische Verhältnisse anzupassen und Schicksalsschläge (still oder im vertrauten Umfeld klagend) zu akzeptieren und zu ertragen. Aber als „Brüche“ werden solche Devianzen im Lebenslauf weiter wahrgenommen, und nur allmählich, doch unaufhaltsam und nachhaltig rückt die Perspektive mehr und mehr in das Zentrum des Weltbildes, dass Lebensverläufe nicht mehr voraussehbar und geradlinig sind.

Werteabschnitt B: Selbtverwirklichung

Im Werteabschnitt B (Selbtverwirklichung) positionierte Milieus – vor allem: „Etablierte“, „Postmaterielle“ „Bürgerliche Mitte“, „Benachteiligte“ – sind sehr viel stärker von den Chancen und Emanzipationsverheißungen der Individualisierung geprägt. Sie beanspruchen, dass Lebensverläufe nicht nur wählbar sind, sondern vom Einzelnen „unterwegs“ verändert werden können, ohne dass darauf soziale Sanktionen folgen oder der/die Einzelne unter Rechtfertigungsdruck stünde. Insbesondere in den höher gelagerten Milieu sind individuelle Zäsuren legitim, sind Ausdruck von Autonomie und Lebendigkeit.

Die voreingestellte normative Lebensverlaufsperspektive ist: Man kann sich im Leben mehrmals – in verschiedenen Lebensphasen – entscheiden, welche beruflichen und welche privaten Wege man einschlägt. Im normalen Lebenslauf will man für sich die Option haben, nicht nur den Arbeitgeber einmal oder mehrmals zu wechseln, sondern möglicherweise beruflich den Kurs zu ändern, etwas ganz anderes anzufangen, dem Leben eine Wendung geben. Das ist häufig ausgelöst und motiviert von der Sorge, nicht richtig oder nicht ganz gelebt zu haben, etwas verpasst zu haben, die eigenen Talente nicht ausgeschöpft oder überhaupt vollständig sondiert zu haben oder die eigenen früheren Träume (zu) lange zurückgestellt zu haben. Dahinter steht ein individueller und emphatischer Anspruch an „das eigene Leben“. Der Legitimationsdruck und Anspruch im Fall privater oder beruflicher Wendungen und Brüche ist deutlich geringer als in den Milieus der „Konservativen“ und „Traditionellen“. Die Widrigkeit des Schicksals muss nicht mehr als Argument herangezogen werden, sondern es gilt die individuelle Entscheidung. Anders als private Brüche bedürfen berufliche Veränderungen nicht mehr einer Rechtfertigung: Beruflich gilt bruchlose Kontinuität als Makel. Gerade wer dreißig Jahre stets beim selben Arbeitgeber war und sich beruflich nie verändert hat, macht sich der Anspruchslosigkeit oder Bequemlichkeit verdächtig. Zugleich sehen Menschen in diesen Milieus sehr genau die Risiken von radikalen Abbrüchen und Neuanfängen – und scheuen diese mit Rücksicht auf die finanzielle Absicherung und soziale Einbindung ihrer Familie.

Diese Milieus haben zugleich eigene Vorstellungen vom Leben im Alter. In der Phase nach der Erwerbstätigkeit beginnt für sie ein neues Leben, das sie anders gestalten wollen als ihre eigenen Eltern (meist aus den Milieus der „Traditionellen“ und „Konservativen“).

Soziale Milieus in Deutschland: Ein Gesellschaftsmodell, Werteabschnitt B

Werteabschnitt C: Selbstmanagement

Das im Werteabschnitt C (Selbstmanagement) positionierte Milieu „Expeditive“ sowie die Milieus in einer Brückenlage zwischen den Grundorientierungsabschnitten B und C („Performer“, „Hedonisten“) haben eine Alltags-, Zeit- und Biographieperspektive jenseits der Lebensplanung. Für sie ist die gegenwärtige Gesellschaft mit den Symptomen Massenarbeitslosigkeit, steigende öffentliche Verschuldung, ökologische Zerstörung und Risiken, sozialhierarchische Differenzierung und Entsolidarisierung, wachsende Armut, wachsende Bürokratisierung des Staats (und großer Unternehmen) die Grunderfahrung, mit der sie sozialisiert sind. Der Wohlfahrtstaat ist an seine materiellen und legitimatorischen Grenzen gekommen. Die zunehmende und fast alle Lebensbereiche erfassende Verlagerung der sozialen Sicherheit vom Gemeinwesen auf das Individuum (Eigenverantwortung; Vollkasko-Individualisierung) ist für diese Milieus die voreingestellte Perspektive.

Richtungweisend für die eigenen Orientierung ist die primäre Welterfahrung, dass Flexibilität und Mobilität notwendige Kompetenzen sind, an deren Grad sich Modernität, Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftsfähigkeit des/der Einzelnen bemessen. Die permanente Bereitschaft zur Neupositionierung, zur adaptiven Navigation in der sich ständig verändernden Topographie unserer transnationalen Gesellschaft bestimmt die Alltags- und die Lebenslauf¬perspektive dieser Milieus.

Vor dieser Grunderfahrung einer fragmentierten Welt, die es individuell zu erkunden gilt, und in der jeder Einzelne seine Nische finden und seine eigene konsistente Weltanschauung herstellen muss, erscheint der Lebenslauf als Parcours, der im Normalfall nicht geradlinig verläuft und nicht planbar ist. Was heute noch Optionen sind, kann morgen unmöglich, eine Sackgasse oder unattraktiv sein; was übermorgen den Mainstream ergreift, gibt ist heute nicht einmal als Möglichkeit oder nur in Nischen.

Wenn der voreingestellte Modus ist, dass soziale Sicherungssysteme in hohem Maße kontingent sind, dann erscheinen sie in der topographischen Landkarte und Lebens¬zeit¬dimension nicht mehr als „integriertes System“, sondern nurmehr als einzelne Optionen, die man fragmentarisch nutzt oder nicht nutzt. So erscheint beispielsweise das Versicherungsportfolio von Menschen in der B-Achse (Privathaftpflicht-, Hausrat-, Lebens-, Unfall-, Rechtsschutz-, Krankenzusatzversicherung) fremd, auf die angesprochen sie unsicher mit der ernst gemeinten Frage reagieren: Brauche ich das? Was in den Milieus der anderen Werteabschnitte als Sicherungssystem für Risiken im Lebensverlauf gilt, ist für die Milieus in der C-Achse etwas Fremdes und Uneigentliches. Sie nutzen das eine oder andere allenfalls singulär. Das gründet auch in der Lebenslaufperspektive, sich nicht einzuhüllen und vollständig abzusichern – denn gegen künftige Risiken glaubt man sich sowieso nicht umfassend absichern zu können. Und wer jederzeit versichert sein will, packt sich sukzessive so voll, dass er nur noch beladen, erdrückt, unbeweglich wird.

Jenseits einer „Lebensplanung“ ist die Maxime dieser Milieus, sich heute einem Thema zu verschreiben und sich zu engagieren. So gering das Vertrauen in die Stabilität der sozialen und natürlichen Umwelt ist, so groß ist das Vertrauen in die eigenen Ressourcen (Flexibilität, Mobilität, Kompetenz), unter veränderten Bedingungen die eigenen Ziele weiter verfolgen zu können. Typisch ist eine gelassene Zukunftshaltung: Weder das Aktuelle dauerhaft tun, noch sich unbedingt verändern müssen. Sondern: Sich von der Zukunft überraschen lassen. Insofern haben sie auch keine Sorge, etwas verpasst zu haben.

Soziale Milieus in Deutschland: Ein Gesellschaftsmodell, Werteabschnitt C